Redebeitrag von der Nachttanzdemo

Freiräume sind Zuflucht für Rebell_innen, Geächtete, arme und obdachlose Leute, radikale Aktivist_innen, illegalisierte Migrant_innen. Für uns sind diese Räume entscheidender Teil einer Bewegung für soziale Veränderung. Seit Jahren kämpfen wir für die Entstehung eines Sozialen Zentrums in Münster. Dabei haben wir immer wieder Häuser besetzt und für eine breitere Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Diese Häuser sollten entweder einem Fahrradweg weichen, wie an der Grevener Straße, oder standen einfach so jahrelang ungenutzt leer, wie das ehemalige Q8 am Hafen. Durch sehr vielseitige niedrigschwellige und möglichst bezahlbare Veranstaltungen ist es uns mit den Besetzungen immer wieder gelungen ein Angebot zu schaffen, das auch den Menschen offen stand, die entweder kein Geld oder keinen Bock auf Latte Macchiato oder hochwertigen Jazz in den auf alternativ gehübschten Tempeln des Kreativkais haben und hatten. Zudem konnten wir allein in den 107 Tagen, in denen letztes Jahr in Münster Häuser besetzt waren, die Kritik an der neoliberalen Stadtpolitik publik machen. Dabei erhielten wir immer wieder fast ausschließlich positive Rückmeldungen, sowohl von unseren Nachbar_innen in der Grevener Straße, als auch von den Besucher_innen im Q8.

Die Stadt verfolgte bisher immer andere Pläne als wir. Sie lässt Häuser lieber jahrelang leer stehen und abreißen, anstatt sie zu nutzen. Ziel der Stadtverwaltung und der Politiker ist es, mit den Verkauf der Gebäude kurzfristig ihren Haushalt zu konsolidieren. Oder aber die Häuser passen nicht in das Bild der Stadt Münster; man könnte auch sagen: Sie passen nicht in das Corporate Design der Marke Münster. Dass der Stadt dabei die Bedürfnisse der ansässigen Bürger_innen völlig egal ist, zeigt sich am deutlichsten an der ignoranten Abrisspolitik in der Grevener Straße. Jahrzehntelang haben die Anwohner_innen dort versucht einige der letzten bezahlbaren, innen­stadtnahen Wohnräume zu erhalten und wurden am Ende mit Kleckerbeträgen und unter massivem Druck abgefertigt. Durch die Besetzungen konnte diese Form der Abrisspolitik, die Frage nach bezahlbarem Wohnraum für alle und die Frage nach Verdrängung ärmerer Menschen aus der Innenstadt in die Öffentlichkeit getragen werden. Das zwang die Stadt – sowie ihren ausführenden Arm namens „Wohn+Stadtbau“ – zu der unglaublich dreisten Lüge, sie würden an Ort und Stelle sowohl mehr, als auch günstigeren Wohnraum schaffen.

Nach dieser wenig kooperativen Abbrissstrategie an der Grevener Straße verfolgt die Stadt nun eine neue Strategie der Aufstandsvermeidung. Sie heißt „Bürgerbeteiligung“ und wird derzeit am Hafen praktiziert. Vor gerade zwei Tagen fand das erste Treffen des Hafenforums statt. Dieses Forum soll den Bürger_innen der Stadt Münster die Möglichkeit geben, an den Plänen für die Umgestaltung des Hafengeländes mitzuwirken. Ein billiger Versuch den Menschen dieser Stadt vor zu gaukeln, ihre Meinung würde etwas zählen. Ziel der Stadt ist es das gesamte Gebiet massiv aufzuwerten. Wie das geschieht, da dürfen die Bürger_innen ein paar Tips geben und Ideen auf Plakatwände schreiben.

Ein Soziales Zentrum ist in Münster nicht erwünscht. Trotz aller Besetzungen und Proteste, trotz aller Konzepte und Finanzaufstellungen wurde auch diesen Mittwoch wieder ein Antrag für ein Zentrum von der Verwaltung zur Politik und von der Politik zur Verwaltung ins Nirgendwo geschoben. Wir haben genug von Anträgen, Hinhaltetaktiken, Pseudo-Bürgerbeteiligungen und ruhig stellen lassen. Wir wollen nicht die kreativen Tupfer einer Stadt sein, die alles, was nicht in die Vermarktungslogik passt, in die Außenbezirke verdrängt. Freiräume sind dafür da, dieses Bild zu brechen und Raum für gesellschaftliche Veränderung zu schaffen. In Freiräumen geht es darum die andere Welt zu leben und die Häuser, Wohnungen und Hallen zu einem rebellischen Raum und zu einem Störfaktor in der Puppenstube Münster zu machen. Wir brauchen Räume um überhaupt mal aus dem Vermarktungseinerlei in dieser Stadt rauszukommen!
Räume für neue Ideen. Räume um mal Luft zu holen. Räume um Soliparties zu machen und Geld für die Bewegung zu bekommen, und und und…

Nehmen wir uns unsere Stadt zurück! Scheiß auf Puppenstuben.
Für ein Soziales Zentrum und das Recht auf Stadt!